Sportplatzwelt MAGAZIN | Ausgabe Nr. 1/2026

SPORTPOLITIK

„FINANZSITUATION DER STÄDTE HAT EINEN KIPPPUNKT ERREICHT“ Im Interview spricht Christian Schuchardt, Geschäftsführer des Städtetags NRW, über die kommunale Haushaltslage, die Sportmilliarde sowie das Sondervermögen Infrastruktur und dessen Bedeutung für die kommunale Sportstättenlandschaft.

Wie ist es wirklich um die finanzielle Lage der Kommunen in Deutschland bestellt? Was sind die größten „Kos tentreiber“, die Kommunen derzeit an wichtigen infrastrukturellen Investiti onen hindern? Schuchardt: Wir haben ein Jahr hinter uns, in dem die Finanzsituation der Städte einen Kipppunkt erreicht hat. Jetzt rutschen wir flächendeckend in die Verschuldungsspirale und ver lieren bald jede Handlungsfähigkeit. Das Defizit der kommunalen Haushalte wird in diesem Jahr mindestens 32 Milliarden Euro betragen – Tendenz in den kommenden Jahren steigend. Wenn sich weiter nichts tut, werden die Städte immer mehr Leistungen kürzen und sogar einstellen müssen, ob bei Bus- oder Bahnlinien, bei der Kultur, bei der Seniorenhilfe oder im Sport. Besonders die kommunalen Sozialausgaben wachsen uns über den Kopf. Sprunghaft gestiegen sind in den Städten in den vergangenen Jahren die Kosten in der Kinder- und Jugendhilfe sowie bei der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung. Bei den aktuell diskutierten Sozialreformen müssen auch diese Themen auf den Tisch kommen. Zudem fordern wir von Bund und Ländern, eine finan zielle Soforthilfe für die Kommunen festzuzurren, zum Beispiel über einen höheren kommunalen Anteil an der Umsatzsteuer. Die Sanierungsrückstände an kom munaler Sportinfrastruktur sind teils immens. Werden die Mittel der „Sport milliarde“ ausreichen, um angesichts

der angespannten finanziellen Lage vieler Kommunen überhaupt spürbare Impulse zu setzen? Schuchardt: Die Sportmilliarde – also das Bundesprogramm „Sanie rung kommunaler Sportstätten“ – ist mit 666 Millionen Euro ausgestattet. Es besteht weiterhin die Hoffnung, dass der Bund innerhalb der aktuellen Legislatur tatsächlich eine Milliarde Euro für das Programm zu Verfügung stellt. Das klingt zunächst nach viel Geld. Dabei muss man aber auch den Sanierungsstau beachten. Bundesweit

Angesichts der katastrophalen Fi nanzlage der Städte ist es ein gutes Signal, dass der Bund finanziell Verant wortung für die Breitensportinfrastruk tur übernimmt. Sicherlich können mit dem Programm in der ein oder ande ren Stadt Tartanbahnen erneuert oder Sporthallen saniert werden. Allerdings klappt das nur, wenn die Städte ihren Eigenanteil von 55 Prozent erbringen können. Auch das wird angesichts der dramatischen Haushaltslage nicht überall möglich sein. Prinzipiell kann das Sonderver mögen auch für sportinfrastrukturel le Investitionen genutzt werden. Wie realistisch scheint es angesichts der Investitionsrückstände in anderen Bereichen der Daseinsvorsorge, dass hier überhaupt Mittel für den Sport „übrigbleiben“? Schuchardt: Zunächst ist es ein Erfolg, dass die Mittel des Sonder vermögens Infrastruktur überhaupt für Sportstätten verwendet werden können und das entsprechende Gesetz hier nachgebessert wurde. Klar ist auch: Der kommunale Sanierungsstau betrifft alle Bereiche, nicht nur den Sport. Die Mittel aus dem Sonderver mögen wird jede Stadt dort einsetzen, wo die Not am größten ist. Deshalb ist noch offen, zu welchem Anteil diese Mittel dem Sport schlussendlich zu gutekommen werden. Neben pauschalen Mitteln wird es weitere Mittel für die Kommunen geben, die das Land zielgerichtet ein setzen will. Für den Sport sollen das immerhin 600 Millionen Euro sein,

Bild: Thomas Berberich

Christian Schuchardt

liegen wir da laut Daten des KfW-Kom munalpanels aktuell bei 15,6 Milliar den Euro allein für die kommunalen Sportstätten. Für Nordrhein-Westfalen hat der Landessportbund den Sanie rungsstau kürzlich mit 3,5 Milliarden Euro beziffert. Die Mittelausstattung der „Sportmilliarde“ ist angesichts des bestehenden Sanierungsstaus also deutlich zu gering.

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